Essay


Die Einäugigen oder Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit

Wer ab 8. August auf die Internetseite http://www.net-news-global.de/ klickte, rieb sich verwundert die Augen. Die von mir wegen ihrer gebündelten alternativen Informationsquellen (u.a. NGO's und mainstreamkritische journalistische Blogs) bisher sehr geschätzte Seite schien plötzlich in russische Hände geraten zu sein: Zum georgisch-russischen Blitzkrieg im Kaukasus gab es kaum noch andere Informationen als die von Ria Nowostni, Russia Today oder Itar-Tass und Interfax. Also von halb- bis ganz amtlich durchsetzten russischen Propagandamedien.
Sich etwa vom staatlich finanzierten TV-Sender Russia Today über diesen Konflikt informieren zu lassen, wäre so, als würde amnesty international das konservative amerikanische Boulevardblatt USA-Today zum Kronzeugen für die menschenrechtliche Unbedenklichkeit Guantanamos erheben.

Entsprechend sah die Berichterstattung von net-news-global über den Konflikt aus. Vereinfacht zusammengefasst: Böser, von Israel und den noch böseren USA unterstützter georgischer Staatschef als Aggressor hier - unschuldig überfallenes Ossetien und hilfreiche friedenstiftende Russen dort. Gestützt wurde diese russlandfreundliche, einäugige Sichtweise durch diverse Beiträge linker deutscher Medien und mainstreamkritischer Blogschreiber. So die Zeitung junge Welt , der Internetsender radio utopie oder der blog duckhome .

Ich hätte nie gedacht, im medienkritischen Internet des 21. Jahrhundert auf derart plakative eindimensionale Weltbilder zu stoßen: "Angriffskrieg gegen Südossetien" (1) und "im Auftrag der USA geführte(r) Eroberungskrieg" (2) waren dabei noch zurückhaltende Formulierungen. "Dass es den USA in erster Linie um einen Test" ginge, "ob der russische Bär sich bei einem Angriff brummend zurück zieht und seine Ruhe haben will, oder ob er zurück schlägt" (3), kann man noch unter dem Stichwort "politische Naivität" ablegen. Ohne jeden Beweis aufgestellte und einzig auf russischen Quellen basierende Behauptungen wie "dass die etwa 2500 bis 3000 Söldner, die die georgische Regierung in ihrem Namen morden lässt, von US-Militärexperten gelenkt werden" (4) sind dagegen gefährlich bösartig. Sie vergiften unnötig das Umfeld für alternative politische Information im Internet. Schlimmer noch: Sie schädigen die Glaubwürdigkeit jeder nicht mainstreamgebundenen Berichterstattung. Und dies zu einem Zeitpunkt, da die Gesellschaft auf korrekte kritische Information angewiesen wäre, wie nie zuvor in der kurzen Nachkiegsgeschichte Deutschlands.

Und noch etwas fällt dabei auf: Diese Art von politischer Blindheit entspricht exakt jener auf der anderen Seite der Barrikade. So titelte Welt-online, be- und gefangenen in ihren uralten antirussischen Reflexen: "Konflikt am Kaukasus: Moskau eröffnet Zwei-Fronten-Krieg gegen Tiflis". (5) Und das nur Stunden, bevor Russlands Staatschef Medwedew die Einstellung der russischen Kampfhandlungen bekanntgab. Auch Spiegel-Online entwarf mit "Zwei-Fronten-Krieg drängt Georgien in Defensive" (6) ein Bild vom armen Georgien, das der übermächtige russische Nachbar in den militärischen Zangengriff nahm.

Passend dazu "informierte" wiederum auf der anderen Kombattantenseite die marxistische junge welt: "Obwohl die georgische Führung am Sonntag einen Waffenstillstand verkündet hatte, setzten ihre Streitkräfte die Zerstörung der südossetischen Hauptstadt Tchinwali durch schwere Artillerie und angeblich auch durch Luftangriffe fort." (7) Das Wörtchen "angeblich", mit dem die unüberprüfte Faktenbehauptung wenigstens etwas relativiert wurde, war nicht nur leicht zu überlesen. Es wurde durch den nachfolgenden Satz endgültig als rein formale Absicherung entlarvt: "Auch vor dem Beginn des Großangriffs in der Nacht zum Freitag voriger Woche hatte Georgien die Welt durch Ankündigung eines Waffenstillstands zu täuschen versucht" (8).

Dass Georgien gerade einmal über fünf Kampfflugzeuge (9) verfügte, von denen mindestens ein oder zwei durch russische Jäger abgeschossen worden waren, sprich: überhaupt keine Kapazitäten für Luftangriffe besaß, fällt bei dieser subjektiven Berichterstattung kaum noch ins Gewicht.

Ich wies in den Provinznotizen schon mehrfach darauf hin, dass es sich bei der so genannten "objektiven Berichterstattung" bürgerlicher Medien um eine Chimäre handelt. Der Mythos beginnt beim einzelnen Korrespondenten, der im günstigsten Fall einige Dutzend, im ungünstigsten - wie etwa häufig bei ARD-Berichten aus Afrika - über tausend Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt sitzt. Seine Quellen bestehen mit viel Glück aus stark subjektiv gefärbten, ortsnahen Telefonauskünften und noch subjektiveren, meist kurzerhand dazu erklärten (deutschen) "Experten". Sie stammen vielleicht vom Geheimdienst, der Botschaft oder einem Goetheinstitut - was gelegentlich auf das Gleiche herauskommt. Meistens aber handelt es sich um örtliche TV- und Radioberichte oder schlicht Material vom US-Sender CNN. Selbst wenn - was nicht der Fall ist - alle Quellen nur bewiesene Fakten als Information weitergäben, entlarvte sich der Objektivitätsmythos spätestens in der Chefredaktion. Sie gibt vor, was gesendet wird.

Bei den Printmedien und ihren Internetausgaben sieht es kaum besser aus. Beispiel Spiegel-Online (SPON): Wer regelmäßig die Seite anklickt und anschließend zu CCN wechselt, wird rasch feststellen, dass dessen Berichte häufig 1 : 1 in SPON übersetzt werden. Ohne entsprechende Quellenangabe. So werden tagtäglich Tausende via SPON mit der amerikanischen (Welt)Sicht der Dinge indoktriniert.

Falls es - was ich bezweifle - je einen objektiven bürgerlichen Journalismus gab, ist er längst in der Medienhölle aus Kostendruck, Korrespondentenabbau, outsourcing und last not least neoliberaler Schere im Kopf verdampft. Was übrig blieb, ist ein Mix aus interessengesteuerten Agentur- und PR-Meldungen. Ich weiß, wovon ich rede, schließlich betreibe ich selbst PR für einen großen Auftraggeber.

Was es früher auf jeden Fall im bürgerlichen Journalismus gab (und vielleicht vereinzelt noch gibt), sind ein paar journalistische Grundregeln. Eine lautet: Niemals Meldungen, die man nicht wenigstens durch zwei voneinander unabhängige Quellen verifizieren kann, in die Welt setzen. Eine andere: Die eigene subjektive Meinung und politische Ansicht nicht zum Maß aller journalistischen Dinge erheben.

Zugegeben: Die beste Zeit solcher ethischen Grundsätze ist - und auch da weiß ich, wovon ich rede - in der bürgerlichen Journaille schon lange passé. Aber genau deshalb erwarte und verlange ich von Kritikern des Mainstreams, dass sie sich um Faktentreue bemühen. Sind keine eindeutigen Informationen erhältlich, sollten sie Schweigen. Ein, zwei oder auch drei Tage. Und auf ihre leeren Seiten den Satz stellen: "Was wirklich Sache ist, wissen wir nicht".

Wenn sie das nicht schaffen, weil sie - genau wie ihre Gegner auf der bürgerlichen Medienseite - glauben, dem (vermeintlichen) Konkurrenzdruck anderer Blogs nur durch tägliche Produktion standhalten zu können, haben sie nur eine andere Möglichkeit: Annehmen, vermuten und spekulieren. Aber solche Produkte sollten der Internetgemeinde dann auch nicht als Information angedient werden. Sie entsprechen der gleichen puren Meinungsmache, wie im Interessen gesteuerten Mainstreamjournalismus.

In Propagandafallen zu tappen, nur um so allwissend zu erscheinen, wie die Manipulateure von SPON bis WELT-BILD vorgeben zu sein, ist keine Lösung. Wer den lupenreinen Pseudodemokraten, Ex-KB-Chef und Tschetschenenschlächter Putin zum altruistischen Leiter einer Friedenstruppe erklärt, verspielt jeden Anspruch, ernst genommen zu werden. Wer den von Putin eingesetzten und gelenkten südossetischen "Premierminister" Juri Morosow, samt seinen rund 75.000 "Untergebenen", zu wackeren Widerstandskämpfern gegen den georgischen Tyrannen Saakaschwili ernennt, hat sich entweder nicht informiert oder will es nicht besser wissen: Morosow ist Industrieller und war unter anderem Finanzchef einer russischen Ölgesellschaft. Allein dieses Detail verrät bereits, worum es in diesem Konflikt - neben der geostrategischen Bedeutung der Region für NATO und Russland - hauptsächlich geht: Öl.

Mit Saakaschwilis Hilfe setzten NATO und US-Regierung den Bau einer Pipeline - sie wird von der BP betrieben - von Baku über das georgische Tiflis ins türkische Ceyhan durch. Mit ihr kann Öl von den aserbaidschanischen Öl-Feldern (die schon Hitler erobern wollte) an Russland vorbei in den Westen transportiert werden. Vor allem Europas Abhängigkeit von Russischen Importen sollte damit gelockert werden. Die so genannte CTP-Pipline ist dem neuen russischen Zaren Putin und seiner Marionetteregierung unter Medwedew ein Dorn im Auge. Noch mehr aber fürchtet Russland die geostrategische Einkreisung durch NATO und USA. Westliche Raketenstellungen in Polen und der Tschechei, NATO-Partnerländer an der Süd- (Georgien und Aserbeidschan) und Nordwestgrenze (die estischen Staaten) - nicht nur Putin empfindet das in Russland als reale Bedrohung.

Dass die Befürchtungen berechtigt sind, beweist die NATO-Politik der letzten Jahre. Sie unterstützte die US-Aggressionspolitik und deren Versuch, einen großen Teil der Welt-Energieressourcen für den Westen zu sichern. Unter dem Deckmantel "Krieg gegen den Terror" und Euphemismen wie "Friedenstruppen" oder "ISAF-Einsatz", sind auch deutsche NATO-Soldaten an Kriegseinsätzen beteiligt. Von Afghanistan bis zum Horn von Afrika.

Dass Putin wiederum Südossetien und dessen Marionettenregime einsetzt, um Georgien den NATO-Beitritt zu erschweren, wenn nicht zu verunmöglichen, ist die andere Seite der Medaille. Südossetien wäre als unabhängiger Staat etwa so überlebensfähig, wie Lichtenstein ohne Geldwaschbanken und Steuerhinterziehungs-Eldorado - nämlich gar nicht. Statt als halb- bis illegaler Geldbunker dient Südossetien übrigens als Schmuggelparadies. Waffen- und Drogen werden - mit russischer Duldung - von hier aus in vieler Herren Länder transportiert. Und selbstverständlich wurden Georgische Soldaten von ossetischen Separatisten im Wortsinn immer wieder aufs Korn genommen. Nach verschiedenen Quellen wohl auch mehrfach in den ersten Augusttagen. Mag sein, dass Georgiens unerfahrener Kleindiktator (Unterdrückung der Opposition und Folter von Staatskritikern sind ihm nichts Unbekanntes) die Gelegenheit wahrnehmen wollte, um Fakten zu schaffen. Dazu den Eröffnungstag der olympischen Spiele in Peking zu nutzen, bot sich an. Als willkommene Ablenkung und - wer wären dann wohl die Einflüsterer gewesen? - Gelegenheit, den Chinesen die Propagandaschau zu stehlen. (Was so ganz nebenbei tatsächlich gelang).

Es ist aber ebenso wenig ausgeschlossen, dass der von seinem Umfeld als "sehr impulsiv" beschriebene Saarkaschwili in eine von Putin und seinen Separatisten-Schachfiguren gestellte Provokations-Falle tappte. Dafür spräche die offenbar grottenschlecht vorbereitete georgische Offensive. Statt etwa den Tunnel anzugreifen und zu sprengen, der den einzigen panzertauglichen Straßenzugang durch das unwegsame Berggebiet zwischen dem russischen Nord- und dem georgischen Südossetien darstellt, beschossen die Georgier stundenlang die südossetische Hauptstadt. Exakt durch diesen Tunnel rollten dann binnen weniger Stunden nach Ausbruch der Kämpfe Dutzende von russischen Panzern Richtung Südossetien. So rasch und so viele, dass sich die Frage, ob sie etwa bereits auf der Lauer lagen, geradezu aufdrängt.

Wer letztlich wen provozierte und benutzte, kann ohne genauere Informationen auch nach dem vorläufigen Ende dieses Blitzkrieges nicht korrekt beantwortet werden. Fest steht nur: Die Lage im Kaukasus ist hoch kompliziert. Mit Schwarz-Weiß-Bildern wird man ihr nicht gerecht. Während der Auseinandersetzungen betrieben das Gespann Putin/Medwedew die gleiche Kriegspropaganda und Desinformationspolitik wie Saakaschwili mit seinen öffentlichen Pressekonferenzen vor westlichen Journalisten. Russlands Opferangaben von "tausenden toten Zivilisten" und "Völkermord" in Südossetien war genau so gelogen, wie der vom Gegner behauptete russische Vormarsch auf Tiflis.

"Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit" (10) überschrieb Jens Berger in seinem Blog Spiegelfechter einen längeren Essay, der eine wohltuende Ausnahme von der unkritisch-russlandfreundlichen Hysterie in den deutschen Blogs darstellte. Ausgerechnet jene, die - oft zu Recht! - hinter jedem Bush amerikanische Verschwörungen wittern, fallen auf Kriegspropaganda herein und ergreifen einseitig Partei. Als ob wir nicht spätestens seit dem ersten Golfkrieg wüssten: "Wie man sich embedded, so lügt man".

Spiegel-Online musste bereitzs einen Tag nach dem Ende der Kämpfe einräumen: "Übertriebene Opferzahlen, Falschmeldungen über Manöver: Im Kaukasus-Konflikt haben sich Georgien und Russland mit Horrormeldungen überboten" (11). Eine löbliche Erkenntnis, bei der allerdings verschwiegen wurde, dass SPON selbst - wie alle westlichen Medien - genau diese Horrormeldungen munter verbreitete. Selbst die ohnehin rudimentären Ethik-Grundsätze des Mainstream-Journalismus gelten in Zeiten der redaktionellen Quoten- und Klick-Herrschaft als Begriffe aus der Steinzeit.

Genau deshalb sollten sich alternative Medien anders verhalten. Meine Konsequenz lautet jedenfalls: Die Unbefangenheit gegenüber net-news-global.de und anderen ist dahin. Ich werde mich wieder verstärkt Quellen wie der Süddeutschen Zeitung und ähnlichen zuwenden. Da weiß ich wenigstens von vorneherein, dass ich sie "gegen den Strich" lesen muss.

1) http://www.radio-utopie.de/2008/08/11/us-militaers-lenken-offenbar-soeldnertruppen-in-georgien/US-Militärs lenken offenbar Söldnertruppen in Georgien
2) ebd.
3) http://www.duckhome.de/tb/archives/3206-Nich-am-Baer-packen.html#extended
4) http://www.radio-utopie.de/2008/08/11/us-militaers-lenken-offenbar-soeldnertruppen-in-georgien/US-Militärs lenken offenbar Söldnertruppen in Georgien
5) http://www.welt.de/politik/arti2315595/Moskau_eroeffnet_Zwei-Fronten-Krieg_gegen_Tiflis.html
6) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,571428,00.html
7) http://www.jungewelt.de/2008/08-12/054.php
8) ebd.
9) Nach den Statistiken des vom französischen Rüstungsexperten Pascal Boniface herausgegebenen Nachschlagewerks "L'Année stratégique" (Ausgabe 2007)
10) http://www.spiegelfechter.com/wordpress/
11) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,571485,00.html



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