Projekt 106
Geschichte künstlerisch verpackt
Erläuterungen von Wiltrud Betzler-Schellin



Wie kommt man darauf, jedes Jahr eines Jahrhunderts in eine Objektkiste zu packen, werde ich häufig gefragt. In meinem Besitz befinden sich etliche Nachlässe, die in ihrer Sprache Geschichten erzählen, die sich zum Erzählen für andere eignen. Diese Sammlungen, dieses Sammelsurium von Material lagert in alten Schuhkartons und Schubladen, intuitiv mussten die Originale aus diesem unwürdigen Dasein heraus und einen angemesseneren Platz in einer Kunstkiste einnehmen.


1903 Das Trottoir vor dem "goldenen Hahnen"
Oder
Carl Keller schreibt einen wagemutigen Brief

1921Ein Klassenfoto aus Stuttgart
Oder
Magdalena Rock zeigt stolz ihre Enkelin herum

1944 Im 6. Kriegsjahr wird gestopft, geflickt und aus allerlei Brauchbarem genäht
Oder
Mechthild Raible wird in einer schweren Zeit geboren

Solche und ähnliche Titel ziehen wie ein roter Faden durch das Projekt 106 und machen so den Betrachter mit (Zeit-)Geschichte, Sozialgeschichte, Alltagsleben, technischen Veränderungen und Anderem von 1900 bis 2005 vertraut. Das Projekt 106 besteht aus 106 Objektkisten, die jeweils mit einem Originalgegenstand, einem Brief oder einem Foto gefüllt sind, mit Acrylfarbe und Ölkreide gestaltet sind und anschließend mit einer durchsichtigen Acrylglasscheibe verschlossen wurden. Bei den oben genannten Kisten ist das Originalteil ein Brief, ein Foto und ein Arbeitsheft für die Hausfrau.
Es handelt sich um ganz alltägliche Dinge, wie sollen diese ein ganzes Jahr, 365 Tage, symbolisieren, ist eine weitere häufige Frage an mich. Natürlich spiegelt mein ausgewähltes Teil nur eine Momentaufnahme des Jahres wieder, aber so, oder so ähnlich wurde ein Brief zu der Zeit verfasst, waren Kinder gekleidet...
Der Brief zeigt uns heute, über 100 Jahre später, wie ein Verehrer zu seiner unbekannten Angebeteten Kontakt aufnahm, welche Höflichkeitsformeln verwendet wurden, welche Anstandsregeln galten, wie das Schriftbild war, und so weiter. Der Brief ist in der Objektkiste und kann doch gar nicht gelesen werden, wird dann argumentiert. Wohl wahr, aus diesem und weiteren Gründen, manchmal werden Zusatzinformationen benötigt, habe ich mich entschieden zu jedem Jahr einen Text zu gestalten, auch habe ich immer eine kleine Geschichte zum Inhalt des Objekts geschrieben. In meiner Internetpräsentation (106.kulturserver.de) ist immer im Wechsel das Foto des Objekts und der Text veröffentlicht.

In der Ausstellung wirkt das ganze Objekt, das Großobjekt, auf den Betrachter. Es ist ungefähr 7 Meter lang und 2 Meter hoch, ein bunter Bilderbogen über 106 Jahre Deutschland. Hier wirkt auf den Schauenden meist zuerst die Größe, das Gesamtwerk, bei genauerem Hinsehen werden Erinnerungen geweckt oder Neugier auf Unbekanntes entsteht. Die zu jeder Objektkiste gehörende Doppelüberschrift führt kurz in das gewählte Thema ein. Ein längeres und tieferes Eindringen in die Zeit kann dann durch das Lesen der Texte geschehen.


1967 Fast schon eine Spionagekamera
Oder
Dieter Schellin fährt mit Vater, Mutter und Freundin in die geteilte Stadt Berlin

1974„The Beatles“ werden viel gehört
Oder
Manfred Melles jedoch hört Rimsky-Korssakow

Hie stehen die Alltäglichen, eine winzige Kamera mit Kleinstdias und eine Kassette plus Kopfhörer, als Vertreter für technische Gebrauchsgegenstände. Verteilt über mehrere Kunstkisten entsteht vor dem inneren Auge des Betrachters eine Mini-Technik-Geschichte, z. B. von der Schallplatte über das Tonband zur Musikkassette.

Wie soll nun dieser Krimskrams gar Zeitgeschichte/Geschichte erlebbar machen, wollen häufig Menschen von mir wissen, die das Werk noch nicht gesehen haben. Als ich mit dem Projekt anfing, hatte ich nur so das Gefühl, dass man das 20. Jahrhundert auf diese Weise gut wiederspiegeln könnte, jetzt kann ich sagen, nach mehreren Ausstellungen, dass Leute sich gerne auf diese Art und Weise in die letzte Zeit begeben, wie in eine kleine Zeitreise.


1915 Der Krieg im Osten
Oder
Karl Prothiva ist auf Heimaturlaub und berichtet seiner Mutter von Sowalki (Russland)

1933Der "böhmische Gefreite" wird zum Kanzler ernannt
Oder
Josef Sieker kauft sich die Schallplatte mit der ersten Rundfunkansprache Hitlers an das deutsche Volk

1989 DFD – Demokratischer Frauenbund Deutschlands
Oder
Sigrid Lau räumt die Gruppensachen weg

1990 Wiedervereinigung
Oder
Albert Baur glaubte an ein Deutschland

Die 4 Objekte enthalten Feldpost, die Anfang eines Gespräches zwischen Mutter und Sohn ist, die Schallplatte mit Hitlers erster Rundfunkansprache, von einem Technikbegeisterten sogleich gekauft, ein Stück DDR-Flagge und das Clara-Zetkin-Ehrenbanner, das beim Aufräumen viele Erinnerungen weckt, Bildzeitungs-Aufkleber, die ebenfalls Erinnerungen und Gefühle hochkommen lassen. Wieder Momentaufnahmen von Menschen dieser Zeit, und vor allem wieder Alltag, aber Alltagsgeschehen mitten in politisch schwierigen oder wichtigen Zeiten, die Zeit des 1. Weltkriegs, die Machtübernahme Hitlers, die Wiedervereinigung Deutschlands aus DDR-Sicht und aus BRD-Sicht.

Wieso haben Sie gerade diese Orte und gerade diese Menschen ausgewählt, ist eine weitere an mich gestellte Frage. Die Orte sind hauptsächlich Stuttgart (Baden-Württemberg), Osnabrück (Niedersachsen), Berlin, Greiffenberg (heutiges Polen), Koblentz (Mecklenburg-Vorpommern), Orte in denen ich lebe oder gelebt habe, Orte in denen Verwandte, angeheiratete Verwandte oder Bekannte leben und gelebt haben, also Orte in denen ich das Material bekommen habe. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich keine gekauften Gegenstände verwendet.
Für mich ist damit auch ein großer Bereich Deutschlands ansatzweise enthalten, Süddeutschland, Norddeutschland, Ostdeutschland und ein Gebiet, das nach dem 2. Weltkrieg zu Polen kam. Und natürlich haben die vorhandenen Nachlässe auch weitgehend die Personen dieses Objekts festgelegt, manchmal musste ich Menschen erfinden, da ich den Inhalt einer Kiste gestaltete, den Ort festlegte, aber keine Person dazu hatte.

Das Großobjekt ist fertig gestellt, die 106 Kisten sind gestaltet, nicht alle haben ihre Beschriftung mit den Titeln auf der Unterseite erhalten und auch an den vielen Texten arbeite ich noch. Dennoch eignet es sich für Ausstellungen. Wenn der Wunsch vorhanden ist, stelle ich auch das Projekt selbst vor.

Das Gesamtobjekt bietet aber noch mehr, man kann sich nach Mode umschauen, Haushaltswaren sind zu finden, Kinderspielzeug zu entdecken... - Jeder Betrachter hat eine eigene Zugangsmöglichkeit und ist nicht von einer Interpretation abhängig.


Begeben Sie sich doch auch einmal auf diese Zeitreise!


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Übersicht



Bild 1 Apfel © Wiltrud  Betzler-Schellin
Bild 2 Teller mit Löffel © Wiltrud  Betzler-Schellin
An die
deutsche Frau, 1939

Ergänzung zum
Projekt 106
Bild 3 Marmeladenglas © Wiltrud  Betzler-Schellin
Bild 4 Fisch © Wiltrud  Betzler-Schellin

Die Zeit im Blick - Zeitdruck (Wecker)
Die Zeit im Blick
( Januar 2007 )
Nachlese zum Projekt 106
Die Zeit im Blick - Nahweihnachtszeit - Nikolaus, Blechweihnachtsbaum

Nordmagazin
Fernsehbeitrag, in: Nordmagazin
NDR III/MV, 2. Dez. 2006, 19.30 Uhr

Eggesin 1
Ausstellung in Eggesin
( Oktober 2006 )
Eggesin 2



Diese Seite wurde zuerst erstellt am 21. 11. 2006
Zuletzt bearbeitet am 05. 01. 2008

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