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Dokumente und Fundstücke deutschen Lebens von 1900 bis 2005
Gesammelt und gestaltet von Wiltrud Betzler-Schellin



1956


1956


DIE "BUDDENBROOKS" IM BUCHCLUB
ODER
CHRISTOPH MILLER ENTDECKT SEIN LIEBLINGSBUCH


Person: Da ich das Buch im Antiquariat gekauft habe, ist Christoph Miller eine von mir erdachte Figur.

Er wurde im Jahre 1900 geboren, genau in dem Jahr als sein Lieblingsbuch "Buddenbrooks" erschienen war. Dieses Buch hatte ihn fasziniert, gefesselt, wahrscheinlich auch weil ihn manches an die Verarmung seiner eigenen Familie erinnerte, Verarmung natürlich nicht im Sinne von darben müssen, aber doch das Enden des großbürgerlichen Lebens seiner Kindheit. Er hatte es als junger Ehemann gelesen, daran erinnerte er sich sehr genau, in ihrer ersten gemeinsamen Wohnung in Berlin, das musste dann 1925 gewesen sein. Christoph Miller stand vor einem Laden des Buchclubs und starrte in das Schaufenster, wie gebannt schaute er auf den Band "Buddenbrooks". Viele Gedanken schwirrten durch seinen Kopf, alle hatten mit dem Buch zu tun. Wann es erschienen war, wann er es zum ersten Mal gelesen hatte, und dass Thomas Mann Deutschland nach einem Aufenthalt in Brüssel 1933 für 16 Jahre nicht mehr betreten hatte. Kurz ging ihm auch sein eigenes Dasein in dieser Zeit in bitterer Armut im Exil durch den Sinn. Doch wie von magischer Hand geleitet, ging nun Christoph Miller in den Buchclub und wurde Mitglied, nur um dieses Buch wieder zu besitzen, er der doch diese Art der Büchervermarktung so ablehnte, ja mehr noch, dem dieser ganze spießige Muff der Nachkriegsära, der Adenauerzeit so auf die Nerven ging.

Information I: Thomas Mann

Mann, Thomas, geb. 1875 in Lübeck als Sohn eines Senators, Bruder von Heinrich Mann. Kam nach dem Tode des Vaters nach München, wo er zunächst in einer Feuerversicherungsanstalt volontierte, dann lit., hist. und kunsthist. Vorlesungen hörte und vorübergehend Redakteur des Simplizissimus war. 1895 -1897 in Italien. Dann freier Schriftsteller in München. 1929 Nobelpreis für die Buddenbrooks. Emigrierte 1933 in die Schweiz, dann nach den USA, lebte in Kalifornien. Gest. 1955 in Zürich.

Aus: Frenzel, Daten deutscher Dichtung, Band II, 1966

Information II: Buddenbrooks

Der Verfall eines hanseatischen Geschlechts im Laufe des 19. Jh. Auf dem Hintergrund des soziologischen Umschichtungsprozesses vom Bürgertum zur Bourgeoisie, sichtbar gemacht am Schwinden der bürgerlichen Tüchtigkeit und Zunehmen seelisch-geistiger Überfeinerung.

Aus: Frenzel, Daten deutscher Dichtung, Band II, 1966


Information III: Adenauerzeit

Adenauer, Konrad, * 1876, † 1967, deutscher Politiker, 1917-33 Oberbürgermeister von Köln, 1050-66 Bundesvorsitzender der CDU, 1949 bis 1963 erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Innenpolitisch zählten die Eingliederung von über 10 Millionen Flüchtlingen und der Wiederaufbau der zerstörten Städte zu den großen Aufgaben der Nachkriegszeit. Außenpolitisch verschaffte er dem jungen westdeutschen Staat Ansehen im Ausland, besonders bei den westlichen Nachbarn und ehemaligen Kriegsgegnern Frankreich und Großbritannien wie auch bei den USA. Er befürwortete ein Bündnis mit diesen Staaten, das 1954/55 durch den Beitritt zur NATO zu Stande kam. Ein weiteres wichtiges Ziel sah Adenauer in der Einheit Europas.

Aus: Meyers Jugend Lexikon, 1991.



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Diese Seite wurde zuerst erstellt am 22. 03. 2005
Zuletzt bearbeitet am 24. 02. 2007

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