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Dokumente und Fundstücke deutschen Lebens von 1900 bis 2005
Gesammelt und gestaltet von Wiltrud Betzler-Schellin



1928


1928


MIT DEM AUTOMOBIL UNTERWEGS
ODER
MARIA PROTHIVA UND IHRE FREUNDIN SCHREIBEN
EIN GEDICHT FÜR DEN WAGENFÜHRER


Person: Maria Prothiva (11.4.1886 – 28.2.1956)
Maria Prothiva ist die Schwester meines Großvaters Eugen Prothiva (29.9.1883 – 10.3.1957) mütterlicherseits
Ort: Im Freistaat Württemberg

Nach einem gelungenen Autoausflug mit einer Enttäuschung am Ende schreiben das Fräulein Maria Prothiva und ihre Freundin A. Sch. ein Gedicht für den Fahrer des Wagens:

9.9.1928

Im A u t o, Mensch des war Knorge!
Am Sonntag Morgen beim Sonnenschein,
Da stiegen fünf ins Auto ein,
Die Stimmung war gleich kreuzfidel,
Man fuhr hinaus, die Welt zu sehn,
Im Tempo gings über Stock und Stein,
Bauer! Tu dein K r u s c h t in Stall hinein,
Denn wir sind außer Rand und Band
Und haben für G ä n s e keinen Verstand.
So sind wir gefahren in einem Typ,
Bis endlich kam das Waldpicknick,
Und so gestärkt, mag kommen, was mag,
Hielt s' Auto in S c h m i e h am Nachmittag,
Unter Führung der Schwester nach dem I. Stock
Begegnen wir einer Mannheimerin mit Schillerlock,
Als sie nun unser Chauffeur gesehn,
Da war's um ihn geschehn,
Sein Herz schlug 100 Takte weiter,
Er wollte allein sein, ohne Begleiter,
Er greift schon zu und bleibt dann stehn,
Denn er hat in die Mondsichel gesehen,
Sie eilte von Dannen, er konnt es kaum fassen,
Weil zu Hause schon füllte der Kaffee die Tassen,
Nach Mittagsrast und kurzer Ruh,
Ging's schnellstens nach dem Wildbad zu,
Es war noch zu hell für Abenteuer,
Weshalb er bald wieder griff nach dem Steuer,
Und von Naturschönheit voll getrunken,
War jedes in Gedanken versunken,
Es war ganz gut, dass nun die Nacht
Der langen Fahrt ein End gemacht,
Denn unser guter lieber Herr Schaich,
Ist glänzend gefahren, ohne Vergleich.
Ein schöner Abschluss ziert ein Haus,
Weshalb wir stiegen bei Graus noch aus
Und wollten in frohem Beisammensein,
Für die schöne Fahrt noch recht dankbar sein,
Aber ohne Enttäuschung geht es ja nicht,
Denn e r war noch ein recht böser Wicht,
Er führt nur noch zwei, o Schreck und o wa
Und wir beide standen leider So – da.


A. Sch. & M. P.



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Diese Seite wurde zuerst erstellt am 22. 03. 2005
Zuletzt bearbeitet am 16. 04. 2005

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